Seinen Koffer verlieren

18 Nov

Von letzten Dienstag bis Sonntag war ich verreist. Dazu später mehr. Überhaupt stehen hier noch ein paar Reisen aus. Ich komme nur nie dazu, aber jetzt bin ich krank und habe Zeit. Aber darum geht es jetzt gar nicht hier. Es geht darum, dass mein Koffer verloren war. Nicht der Koffer auf dem Bild, ein anderer Koffer, aber das ist ja egal. Ich krieche jetzt nicht unter den Tisch, um den richtigen Koffer zu fotografieren. Inzwischen ist er nämlich wieder da.Koffer | raupenblau

Die Geschichte geht ungefähr so: Ich fliege auf eine Konferenz, ich werde krank. Erkältung. Ich nehme ausländische Medikamente ein, deren Wirkung mir unklar ist, da die Apothekerin und ich leider keine gemeinsame Sprachbasis finden. Aber egal, man hofft das Beste. Leider sind Erkältungen von Medikamenten nur schwer zu beeindrucken, ich fahre also etwas angeschlagen mit dem Taxi zum Flughafen in Lissabon. Dort versuche ich mich und den Koffer in das Flugzeug einzuchecken. Das erweist sich als schwierig, denn auf meinem Ticket steht zwar Brussels Airlines, in Wirklichkeit fliege ich aber mit TAP und Lufthansa. Der Mensch am Brussels Airlines Schalter zeigt sich unkooperativ und schleppt mich zu einem Automaten. Ich hasse diese Automaten. Danach will er meinen Koffer immer noch nicht, zähneknirsched rolle ich ihn zu TAP. Die Dame fragt, ob ich will, dass der Koffer nach München fliegt. Ich denke: „Nein, ich wollte ihn in Brüssel auf die Straße werfen.“ SAGE DAS ABER NICHT LAUT. Stattdessen sage ich: „Yes, please.“ Heutzutage bestraft das Universum sogar schon sarkastisches Denken.

Die Reise verläuft unerfreulich: Die Eltern wünschen Portwein in einer 0,5-Liter-Flasche, ich bin aber inzwischen spät dran und kaufe im Duty Free hektisch einen Liter, nur um dann festzustellen, dass die Maschine eine Stunde Verspätung hat. Im Flugzeug machen meine Ohren nicht mit, ich lande halb taub in Brüssel und rase zum Gate, das selbstverständlich am anderen Ende des Flughafens ist. Der zweite Flug macht das Ohrenproblem nicht besser, ich lande in München und höre auf dem linken Ohr gar nichts mehr. Meine Meinung zu Flugreisen ist ganz unten und wird daher auch nicht schlechter, als mein Koffer nicht auftaucht. Immerhin muss ich ihn jetzt nicht in den vierten Stock hochtragen. Mein bester Freund holt mich ab und hat einen Burrito für mich dabei, die Frau am Gepäck-Schalter ist nett. Ich bin beiden dankbar und gehe erschöpft ins Bett.

Den nächsten Tag verbringe ich damit, auf die Rückkehr meines Gehörs und meines Koffers zu warten. Und stelle dabei etwas seltsames fest: mir fehlen aus diesem Koffer exakt zwei Dinge. Das eine ist meine Zahnschiene, ohne die ich mit den Zähnen knirsche. Das andere ist mein Laptop-Ladekabel. Alles andere habe ich doppelt. Ich besitze eine zweite Zahnbürste, ausreichend Unterwäsche, Ladekabel für alle anderen Geräte und eine zweite Pinzette. Ich habe sogar ein zweites Giro-Konto, deswegen macht es mir nicht mal was aus, dass ich meine Kreditkarte im Koffer vergessen habe (jaaa, ich weiß!) Wäre der Koffer weg, wäre das schade, da einige der Dinge da drin persönlichen Wert haben, aber Lieblingssachen nehme ich nicht mit auf Reisen. Die Mitbringsel wären schwer zu ersetzen, aber andererseits bin ich in diesem Jahr so viel gereist, dass meine Familie und Freunde den Verlust wohl verschmerzen könnten. Tatsächlich wäre es kein Drama, würde der Koffer nicht mehr auftauchen.

Mein Gehör taucht gegen Mittag wieder auf, der Koffer am Abend. Ich freue mich. Aber den ganzen Tag über mache ich mir Gedanken: Habe ich zu viel oder habe ich genau die richtige Anzahl an Dingen für meinen Lebensstil? Ist es gut, dass man den Verlust eines Koffers leicht verschmerzen kann oder ist das nur ein Zeichen dafür, dass man mit unnötigem Ballast durchs Leben geht? Bisher konnte ich die Frage nicht abschließend beantworten. Aber ich freue mich, meinen portugiesischen Käse wieder zu haben. Ob man den noch essen kann?

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Eine Antwort to “Seinen Koffer verlieren”

  1. Ben November 18, 2014 um 20:20 #

    Wenn’s die Wohnung hergibt sind es nie zu viele Sachen 🙂
    Gute Besserung. Und den Koffer lieber mal streicheln, wer weiß was er erleben musste (Trauma)

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